Donnerstag, 8. November 2012

In eigener Sache: Erst mal ein bisschen "Slow go"
Das Problem von "kranken" Blogs: Auch Blogger werden manchmal kränker

chronisch LEBEN - das ist eben auch Licht und Schatten
Ich muss wieder einmal um ein wenig Geduld und auch um Verständnis der Leserinnen und Lesern des Blogs chronischLEBEN bitten:

Das Blog ist seit einigen Tagen vergleichsweise inhaltsleer - und es sieht so aus, dass ich an diesem ein wenig langweilige Zustand mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht viel ändern kann und werde.

Wie viele chronisch kranke Menschen geht es auch mir mal so, mal so. Meist komme ich - gut(e) drei Jahre nach der Diagnose meines Parkinson-Syndroms - nach wie vor gut mit der Krankheit zurecht; ich stelle allerdings zerknirscht und ein wenig erschrocken fest, dass ich einen der wichtigsten selbstgewählten Grundsätze im Umgang mit der chronischen Krankheit nach und nach weniger in den Alltag umsetzen kann: Ich hatte - gemeinsam mit meiner Frau - damals vor drei Jahren geschworen, dass der Parkinson nicht zum Mittelpunkt werden wird, um den sich (fast) alles dreht.

Das war ein astzarter Meineid. Die ernsthafte und gute Absicht ist geblieben; aber Krankheiten haben nun mal ihre eigene Gesetzlichkeit. Wir können es ignorieren wie wir wollen: Der Parkinson bestimmt zunehmend den Alltag - ganz konkret in kleineren und auch bedeutenderen Teilen des Lebens. Einige Beispiele (ähnliches berichten viele Parkinson-Kranke):

Tagesmüdigkeit und Antriebslosigkeit lähmen nicht nur den Körper, sondern auch den muntersten Geist. Das ist ätzend und macht wütend.

Die Mobilität verdient den hochtrabenden Namen auch nicht mehr wirklich. Obwohl ich mich gnadenlos zwinge, täglich möglichst zu Fuß oder auf dem Fahrrad an frischer Luft unterwegs zu sein, weil das Körper und Geist brauchen, werden die Strecken, die ich mit meinem Rollator an einem Stück zurück lege, immer kürzer. Nach wenigen hundert Metern bin ich froh, dass mein Gewägelchen auch eine brauchbarer Ruhesessel ist, auf dem ich mich einige Minuten darauf konzentrieren kann, wieder zu Kräften und zu Luft zu kommen.

Zeitweise Steifigkeit und Tremor sowie Glieder- und Gelenkschmerzen kann ich ganz gut ignorieren - und mein Levo-Dopa wirkt auch recht zuverlässig (wenn ich nicht mal wieder die Einnahme vergesse). Diese "klassischen" Symptome sind da, aber sie machen mir am wenigsten zu schaffen. Wer sich wie ich nicht ständig darauf konzentriert, nimmt den Quatsch fast nicht mehr wahr.

Was mich seit einigen Tagen zusätzlich bei meinen gewohnten Aktivitäten bremst, ist die unsichere Diagnose meiner Luftnot, die mir schon nach wirklich kleinsten Anstrengungen zu schaffen macht. Ich hatte nach der Diagnose und erfolgreichen Therapie von zwei Lungenembolien im April dieses Jahres zuversichtlich gehofft, dass es "luftmäßig" nun wieder aufwärts gehe. Das war zunächst auch so - ein gutes Gefühl, sich wieder normal und auf natürlichem Weg mit Luft und Sauerstoff versorgen zu können.

Leider hielt das nur kurze Zeit an. Die Probleme nahmen kontinuierlich wieder zu. Meine Ärzte tun ihr Bestes. Die Lunge ist erstaunlich fit (wenn ich so an meine impertinente Dauer-Qualmerei bis vor elf Jahren denke), ein Schlaflabor brachte auch keine wirklich erhellenden Erkenntnisse, und Asthma habe ich Gottlob auch nicht.

Jetzt rätseln mein Internist und meine Kardiologin an meinem guten alten Herz rum. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Zur Zeit sieht es so aus, dass ich mich in den nächsten Tagen vertrauensvoll wohl einer Herzkatheter-Untersuchung unterziehen muss. Ich mag so was nicht - aber wenn es denn der Wahrheitsfindung dient ...

Das alles sind ja schon ganz brauchbare Ausreden für meine derzeitige und wohl noch ein wenig andauernde Faulheit.

Als ob das Gejaule über diese ganzen Zipperlein nicht schon genug werde, meldet sich aber dummerweise ein treuer, aber ausgesprochen lästiger Begleiter "meines" Parkinson auch wieder spürbar zur Stelle:

Ich treibe tagelang im trüben Teich der Depressionen, die lichtärmliche Jahreszeit tut das Ihre dazu. Gut zu wissen, dass das vorüber geht und - bei aller kritischen Distanz zu den Produzenten: Gut zu erleben, dass wirksame Medikamente diese belastende Krankheit "meines" Morbus Parkinson sehr wohl lebenserhaltend sind.

Und vor allem anderen: Gut, dass mit meiner Familie, vor allem mit meiner tapferen und Liebenden Frau den Rückhalt habe, den ich in solchen Wochen brauche - dazu noch die unbändige Vorfreude auf den zweiten Enkel.

Wir könnten alle liebend gern auf Schattenseiten des Lebens verzichten, aber es ist wohl tatsächlich so, dass Liebe sich nicht nur in den schönen, beglückenden Stunden zeigt, sondern sich auch und gerade in den viel zitierten schlechten Zeiten bewährt.

So ist das. Es ist die stinknormale Realität vieler chronisch Kranker. Ich habe das vor allem mal versucht zu schildern, um anderen ähnlich oder gleich betroffenen Frauen und Männern zu zeigen, dass auch das zu "unserer" Welt, in der wir leben und die wir erleben, gehört. Es ist Normalität, mit der wir lernen können, so selbstverständlich wie möglich umzugehen.

Meine persönliche Überzeugung ist, dass es uns und unseren Mitmenschen nicht gut tut, wenn wir in Schmerz und Selbstmitleid baden und unser "schlimmes, schlimmes Schicksal" mehr oder weniger laut und geschickt bejammern. Und es ist genau so ein nutzloser Unsinn, uns und den Mitmenschen ständig was vorzumachen und jedem der es hören oder auch nicht hören will, strahlend verkünden, wie gut es uns doch gehe.

Ich habe mir mittlerweile angewöhnt, auf die üblichen Frage (immer mit ebenso verstohlenen wie Vor Mitleid triefendem Blick auf meinen Rollator): "Wie geht's denn so?" möglichst offen und ehrlich zu antworten. Und das ist dann eben nicht selten die typisch schlitzohrig- schulterzuckende, aber ehrliche Antwort unserer polnischen Nachbarn. Die entgegnen lakonisch und meist ja auch treffend: "Stara bieda" - auf deutsch: "Das alte Elend".

Aber auch das geht - hoffentlich bald - vorüber. Und dann werde ich wieder präsenter im Blog sein. Versprochen.

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos

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